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Gebärdensprachdolmetscher*innen – von der Kita bis zum Abschlusszeugnis

„Gebärdensprachdolmetscher*innen – von der Kita bis zum Abschlusszeugnis“ mit diesem, etwas sperrigen Titel, wird ein wichtiger Schritt für die Gehörlosen gegangen.

„Jahrelang hatten wir gefordert, dass der Einsatz von Dolmetscher/innen nicht auf Elternabende an Schulen beschränkt sein darf. Im letzten Jahr hatten wir dazu Unterschriften gesammelt und diese an Sozialminister Lucha übergeben. Endlich kommt nun weiter Bewegung in die Sache“, erklärt der Landesvorsitzende Wolfgang Reiner.

Worum geht es dabei genau: Wenn gehörlose Eltern an den Elternabenden ihrer Kinder teilnehmen wollen, sind sie auf den Einsatz von Dolmetschern angewiesen. Laut Gesetz haben die Eltern das Recht und die Pflicht an der schulischen Erziehung ihrer Kinder mitzuwirken (§55 Schulgesetz von Baden-Württemberg).

Die Dolmetschervermittlung für Gebärdensprache, getragen vom Landesverband der Gehörlosen, erhielt in den letzten Jahren vom Sozialministerium ein jährliches Budget (aktuell rund 80.000 Euro). Aus diesem Budget können gehörlose Eltern die Kostenübernahme für den Einsatz von Gebärdensprachdolmetscher/innen bei Elternabenden und Elterngesprächen in den Schulen ihrer Kinder beantragen. Aus diesem Topf dürfen nur Dolmetscherkosten für Elternabende und Elterngespräche in der Grundschule und in weiterführenden Schulen bezahlt werden.

Nicht übernommen werden die Dolmetscherkosten für Elternabende und Elterngespräche in Krippen, Kindertagesstätten und Berufsschulen. Ausgeschlossen sind zudem Elternbeiratssitzungen, schulische Veranstaltungen wie Einschulungsfeiern und andere Feste sowie Informationsabende zu Themen wie Drogenprävention, sexualisierte Gewalt, Mediennutzung usw. Gehörlosen Eltern bleibt somit der Zugang zu wichtigen Teilen des schulischen Lebens ihrer Kinder verwehrt, wenn sie die Dolmetscherkosten nicht selbst übernehmen können.

In einer großen Aktion hat der Landesverband der Gehörlosen im vorigen Jahr Unterschriften gesammelt und auf diesen Missstand hingewiesen. Die Unterschriften wurden an Sozialminister Manfred Lucha übergeben. Der hatte zugesagt, diese „Hausaufgabe“ mitzunehmen und eine Lösung anzubieten.

Bei einem Folgegespräch im Sommer kam nun erstmals wieder Bewegung in die Sache. Aus einem Projekttopf werde das Sozialministerium dem Landesverband für zwei Jahre insgesamt 40.000 Euro zur Verfügung stellen. Dieses Projekt soll dem Land zeigen, dass es wirklich einen Bedarf für unsere Forderung gibt – und nicht nur einen Wunsch.

Diese Chance ergriff der Landesverband: „Dieses Projekt werden wir umsetzen und zum Erfolg bringen“, erläuterte Wolfgang Reiner.

Konkret geht es nun um Folgendes:

„Wir rufen alle gehörlosen Eltern auf, Anträge auf Übernahme der Dolmetscherkosten bei Elternabenden an Kitas zu stellen. Zuständig ist wie bisher auch die Dolmetschervermittlung. Unsere Prämisse ist: wir wollen nichts mehr ablehnen, sondern zeigen dass der Bedarf da ist! Wir Gehörlose sind interessiert am Schulweg unserer Kinder und wollen sie auf diesem unterstützen und teilhaben. Wie alle anderen, hörenden, Eltern auch.

Um das zu erreichen, werden wir erst einmal massiv in Information investieren. Über unsere Kanäle werden wir die Gehörlosen mit dieser Neuigkeit versorgen und die im Detail aufklären, was dies bedeutet.“

Man habe das Wort des Ministers, der dieses Projekt auch anregte. Daher habe der Landesverband der Gehörlosen keinen Zweifel, dass man an einem Strang ziehe um das Projekt zum Erfolg zu bringen.

„Wir werden nun die Gehörlosenvereine informieren, wir werden ein Video erstellen und wenn gewünscht auch in Terminen bei den Gehörlosenvereinen vor Ort darüber informieren. Genauso gehen wir auch an die örtlichen Behindertenbeauftragten“, so Wolfgang Reiner zu den ersten Schritten.

Was soll am Ende des Projekts stehen? Für Wolfgang Reiner ist klar, dass das Ziel ein Rechtsanspruch sein muss: „Eltern haben laut Gesetz das Recht und die Pflicht an der schulischen Erziehung ihrer Kinder mitzuwirken. Da ist es doch nur logisch, dass die Kosten für alle Dolmetschereinsätze übernommen werden. Das bedeutet Teilhabe. Das bedeutet Gleichberechtigung.“

Das Projekt werde, da die Laufzeit sehr kurz ist, keine konkreten Zahlen herausbekommen, sondern vielmehr Tendenzen aufzeigen. Tendenzen, in welchen Bereichen Dolmetscher/innen gefragt sind. Oder auch, welche Probleme es dabei gibt. Ein Ergebnis könnte auch sein, dass es gar nicht genug Dolmetscher gibt um die Termine zu besetzen. Auch dann sei die Politik wieder gefragt, zeigt Wolfgang Reiner. Aber dann sei es die Wissenschaftsministerin, die dann einen Studiengang „Gebärdensprachdolmetschen“ einrichten müsse – ebenso eine langjährige Forderung des Landesverbands.

 

 

Zu weiteren Informationen wenden Sie sich an:

Dolmetschervermittlung für Gebärdensprache Baden-Württemberg

Sonja Fertig

Hohenheimerstr. 5

70184 Stuttgart

Telefon: 0711 2360009

Mobil: 0176 66685821

Fax: 0711 2360616

Mail: dolmetschervermittlung@lv-gl-bw.de

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