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"Ein wunderbares Gewirr fliegender Hände"

Der mittlerweile fünfte Jahresempfang des Landesverbands der Gehörlosen Baden-Württemberg fand in diesem Jahr im Stuttgarter Hospitalhof statt. In einem vollbesetzten Saal mit 100 Gästen aus Ehrenamt, Gesellschaft und Politik blickte der Verband auf ein ereignisreiches Jahr zurück und informierte über die aktuellen Aktivitäten. Der Landesvorsitzende Wolfgang Reiner sah die hohe Zahl an Gästen zurecht als Wertschätzung der Arbeit des Landesverbands an, die wiederum den Landesverband aufs Neue motiviere mit voller Kraft auch im neuen Jahr weiterzuarbeiten und Veranstaltungen anzubieten.

Den Gästen bot sich an diesem Abend ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm, durch welches Vorstandsmitglied Markus Fertig führte.

Hennies Jahresempfang 2018

Für den inhaltlichen Schwerpunkt sorgte Professor Johannes Hennies von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. In seinem Input „Die Situation von gebärdensprachlich orientierten Kindern im Bildungssystem“ ging er auf die Besonderheiten von gehörlosen Kindern im Bildungssystem ein. Hier unterschied er grundsätzlich drei Beschulungsarten. Zum einen die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), dann die Regelbeschulung ohne Dolmetscher und die Regelbeschulung mit Dolmetscher. Jede der Beschulung biete andere Vor- und Nachteile für die Kinder. Für alle drei sieht er noch Möglichkeiten zur Verbesserung und Entwicklung. An den SBBZ müsse die Qualität in Bezug auf den Einsatz der Gebärdensprache verbessert werden, diese schwanke noch zu stark. An Regelschulen ohne Unterstützung durch Dolmetscher sollte die Gebärdensprache stärker Einzug finden. Etwa durch entsprechendes Hintergrundwissen des Fingeralphabets und der Gebärdensprache. An Regelschulen mit Unterstützung durch Dolmetscher könne man dadurch noch mehr erreichen, dass mehrere Kinder mit Hörbehinderung in einer Klasse unterrichtet werden.

Jahresempfang 2018 Fertig

Markus Fertig blickte auf das Arbeitsjahr des Landesverbands zurück. Zu den großen Highlights gehörte die Unterschriftenaktion. 5000 Unterschriften wurden im September an Sozialminister Lucha übergeben, mit den beiden Forderungen, die Übernahme der Dolmetscherkosten bei allen schulischen und vorschulischen Veranstaltungen in einer Kommunikationshilfeverordnung gesetzlich zu verankern und das jährliche Budget für die Dolmetscherkosten zu erhöhen. Der Minister hatte zugesagt, diese Forderungen genau zu prüfen – dies werde eine der Aufgaben des Landesverbands 2018 sein, dort nachzuhaken und „dranzubleiben“.

Einen großen Schritt voran kam der Landesverband auch in seinem Wunsch, einen Studiengang „Gebärdensprachdolmetschen“ in Baden-Württemberg einzurichten. Mit Prof. Hennies habe man einen starken Unterstützer dieses Anliegens. Er hat bereits ein Konzept für diesen Studiengang entworfen und hofft nun auf die politische Unterstützung.

Das „Wochenende der Gebärdensprache“ im September ein voller Erfolg. Der Infostand in der Stuttgarter Innenstadt weckte ebenso großes Interesse, wie auch die kostenfreien Schnupperkurse Gebärdensprache.

Die Gäste des Empfangs waren dann auch noch gefordert. Dem Publikum wurden Fragen gestellt und mittels Los wurde ermittelt, wer die Fragen beantworten musste.

Der Landtagsabgeordnete Thomas Poreski ging auf die alltäglichen Barrieren ein und zeigte sich zuversichtlich, dass diese immer weiter abgebaut werden, zumal er auch sehe, wieviel dort in den letzten Jahren bereits geschehen ist.

Der Vorsitzende des Gehörlosen Sportverbands Baden-Württemberg Rainer Kühn beantwortete die Frage, was denn seine Lieblingsgebärde sei, mit einem Loblied auf die Gebärdensprache als Ganzes: für ihn sei die Gebärdensprache schlicht die schönste Sprache der Welt. Auch wenn es in jedem Land unterschiedliche Gebärdensprachen gibt, ist es für Gehörlose aller Länder einfach, sich über Alltägliches auszutauschen. Er habe dies zuletzt bei den „Deaflympics“, der Olympiade für Gehörlose, beobachten können. Diese war ein „wunderbares Gewirr fliegender Hände“.

Der gesamte Empfang war eingerahmt vom tauben Poetry Slammer Benjamin Gutwein. Zu Beginn zeigte er das Stück „Die Geschichte der Gebärdensprache“ und zum Schluss „Das taube Kind“. Er bewies damit, wie vielfältig, ausdrucksstark und auch poetisch die Gebärdensprache ist.

Der Jahresempfang fand auch durch die freundliche finanzielle Unterstützung der Barmer Krankenkasse statt.

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