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150 Jahre St. Josef Schule für Hörgeschädigte

150 Jahre St. Josef Schule für Hörgeschädigte Jubiläums-Festakt / Freitag, 6. Juli 2018 Ansprache

In Lautsprache möchte ich euch herzlich begrüßen,

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Schulleiterin Schott,
sehr geehrtes Lehrerkollegium,
liebe gehörlose Gäste,
liebe Schulkinder,

Genau vor 62 Jahren konnte ich im Alter von 7 Jahren noch nicht sprechen und gebärden, niemand hat es mir beigebracht.

Nun lasse ich meine Ansprache von einer Gebärdensprachdolmetscherin übersetzen.

Als ehemaliger Schüler dieser Schule St. Josef, die ich von 1956 bis 1964 besucht habe, möchte ich mich für die heutige Einladung zum Jubiläums-Festakt herzlich bedanken, ich freue mich, dass ich vor euch sprechen darf.

Ich freue mich besonders, heute mit euch das 150-jährige Bestehen der Gehörlosenschule St. Josef feiern zu können und ich hoffe sehr und glaube aber auch, dass es diese Schule noch viele Jahre geben wird.

Am heutigen Festtag möchte ich im Namen aller ehemaligen Schülerinnen und Schülern sowie auch im Namen des Landesverbandes der Gehörlosen Baden-Württemberg der gesamten Schulgemeinde zu diesem wahrhaft würdigen Anlass des 150jährigen Schuljubiläums ganz herzlich gratulieren.

Wenn man auf 150 Jahre blickt und das JETZT betrachtet, sieht man den großartigen Fortschritt und die Entwicklung, die diese Schule durchgemacht hat und welche Erfolge sie in der Pädagogik gemacht haben.

150 Jahre für eine Schule sind schon eine lange und bewegte Zeit, auf die dieser Schule St. Josef mit Stolz zurückblicken kann.

Ich war 7 Jahre alt und fuhr als junger Taubstummer im Jahr 1956 aus Oberschwaben nach Schwäbisch Gmünd zur Schule St. Josef und ins Internat. Ich bin katholisch, und es war selbstverständlich dass ich in diese Schule kam, obwohl die „Evangelische“ Gehörlosenschule Wilhelmsdorf nicht ganz so weit von meinem Heimatort entfernt ist. Heute spielt die Religion überhaupt keine Rolle mehr, jeder kann selbst entscheiden in welche Schule er gehen möchte.

Hier habe ich, wenn auch sehr mühsam, das Sprechen und Ablesen gelernt. Ich war 8 Jahre lang im Internat, bis 1964 hatte ich eine Schulbildung gemacht und beendete diese Zeit mit einem Hauptschulabschluss.

Ich hatte eine schöne und unterhaltsame Zeit mit meinen Mitschülern, z. B. in der Freizeit mit Fußballspielen usw., aber immer mit Benutzung der „sprechenden“ Hände. 

Jedoch nicht in der gesamten Unterrichtszeit, da war das Gebärden verboten. Wir hätten damals im Rahmen des Unterrichtes besser und schneller verstanden und begriffen, wenn wir die Gebärdensprache mit benutzen hätten dürfen, weil sie eine visuelle Sprache ist und für uns Taube alles leichter zu erkennen und dadurch zu verstehen ist. 

Diese „orale Erziehung“ war schon sehr anstrengend, wahrscheinlich nicht nur für uns Schüler, bestimmt auch für unsere Lehrer. 

Aus verschiedenen Gründen möchte ich auch heute noch sagen, dass die Gebärdensprache erhalten bleiben muss und dass sie für Kinder und Jugendliche, die keine Sprachkompetenz haben im Unterricht unabdingbar ist. 

Ansonsten plädiere ich für den bilingualen Unterricht, Gebärdensprache und Lautsprache gemeinsam einzusetzen, wie das ja auch heute zum Großteil bereits gemacht wird. 

Die Ergebnisse der pädagogischen Arbeit und die Entwicklung dieser Schule St. Josef „Hauptschule – Realschule – Gymnasium“ mit Benutzung der Gebärdensprache können sich sehen lassen. 

Diese Schule hat eine hervorragende Pädagogik und daher einen sehr guten Ruf. Die Gehörlosen die diese Schule verlassen haben und es noch tun, können zwar immer noch nicht hören, haben aber eine sehr gute Sprachkompetenz. 

Ich möchte allen, die in der Vergangenheit dabei mitgewirkt haben, und allen, die sich in der Gegenwart weiterhin engagiert einsetzen – auch im Namen des Landesverbandes der Gehörlosen Baden-Württemberg, Dank und Anerkennung aussprechen. 

Das gilt auch ganz besonders für das Mutterhaus Untermarchtal. 

Damals waren sehr viele Nonnen als Lehrerinnen und Erzieherinnen im ganzen Haus St. Josef da. 

Zum Schluss wünsche ich, auch im Namen des Landesverbandes der Gehörlosen Baden-Württemberg allen Beteiligten dieser Schule St. Josef dazu weiterhin die notwendige Kraft, Ausdauer, viel Glück, Erfolg und weiterhin viel Freude an der Arbeit mit den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen und der Schule St. Josef für die nächsten Jahre alles Gute. 

Danke für die Aufmerksamkeit.

Dieter Steuer 

 

 

 

 

Foto: St. Josef Schule für Hörgeschädigte

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