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Wochenende der Gebärdensprache

Ausblick: 2019

Das Wochenende der Gebärdensprache 2019 findet am 28. und 29. September 2019 in Heilbronn statt. Mehr Infos im neuen Jahr, hier auf der Homepage.

 

Rückblick: 2018

Das kulturelle Highlight der Gehörlosen in Baden-Württemberg fand 2018 in Reutlingen und Tübingen statt. An drei Tagen präsentierten der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg und der Gehörlosenverein Reutlingen ihr Welt und bauten so spielerisch die Barrieren ab.

Aber eins nach dem anderen.

Der Auftakt des Wochenendes war in der Reutlinger Stadthalle. Das „beste Haus der Stadt“, so der anwesende Verwaltungsbürgermeister Hahn, hatte sich für uns fein rausgeputzt. Es erstrahlte ganz in Türkis – der Farbe des Landesverbands. Landesvorstandsmitglied Andreas Frucht begrüßte alle Gäste im Namen des Landesverbands mit dem Leitspruch: „Durch Gebärdensprache gehört jeder ganz natürlich dazu.“ Vor genau 60 Jahren wurde, vom Weltverband der Gehörlosen, international die „Woche der Gehörlosen“ eingeführt. Seit diesem Jahr gibt es zusätzlich jährlich am 23. September den „Internationalen Tag der Gebärdensprachen“. So haben es die Vereinten Nationen beschlossen. „Die Gebärdensprache ist unser Weg zur Teilhabe“, fasste es Andreas Frucht zusammen. Deshalb legt der Landesverband schon immer großen Wert auf die Gebärdensprache und stellt sie jährlich in den Mittelpunkt dieser kulturellen Veranstaltungen.

So auch in diesem Jahr. Das Anliegen bleibt unverändert: der Landesverband will über die Gebärdensprache aufklären und Barrieren abbauen.

 

In diesem Jahr machte die Theatergruppe „Random Acts of Beauty – R.A.B.“ (englisch für: zufällige Handlungen der Schönheit) den kulturellen Anfang. Sie zeigten das Stück „Die Seehundfrau“. In diesem verwandelt sich ein Seehund in eine Frau und verliebt sich in einen Fischer. Doch die Frau kann nur in Gebärdensprache sprechen und der Mann nur in Lautsprache. Erst mit der Zeit lernen sie, sich zu verstehen. Die gemeinsame Tochter wächst in beiden Welten auf – der hörenden Welt und der Welt der Gebärdensprache. Leider wurden nicht alle Texte des Fischers untertitelt, so verstanden die Gehörlosen einige Passagen nicht. Das tat der guten Stimmung aber keinen Abbruch.

Am Samstag startete der Tag mit einem Infostand in der Tübinger Innenstadt. Bei bestem Herbstwetter informierten die vielen Ehrenamtlichen des Landesverbands und besonders des Reutlinger Gehörlosenvereins die Tübingerinnen und Tübinger.

Und die hatten sichtlich Spaß dabei. Die Kinder konnten an einer Buttonmaschine einen selbstgestalteten Button mit ihrem Namen machen. Und für die Erwachsenen gab es ein „Gebärdenquiz“ um Ihnen zu zeigen, dass man vor der Gebärdensprache keine Angst haben muss. Dabei wurde den Passanten ein Begriff gezeigt und sie sollten dann die Gebärde dazu erraten – und das klappte auch bei allen.

Parallel fanden dazu zwei Gebärdensprachschnupperkurse statt. Die beiden Dozenten Rita Mohlau und Benjamin Gutwein führten in die Welt der Gebärdensprache ein. Beide Kurse waren ausgebucht und machten Lust auf mehr!

 Der Höhepunkt des Wochenendes war der Kulturabend in der Aula der Tübinger Musikschule. Unter dem Titel „Unerhört – ein kultureller Abend für Menschen mit und ohne Gehör“ präsentierten verschiedene hörende und gehörlose Künstler ihr Können.

„Wir wollen mitgestalten und Teil dieser Gesellschaft sein!“, erklärte der Landesvorsitzende Wolfgang Reiner in seiner Begrüßung vor den etwa 150 Gästen. Dies sei die Hauptaufgabe des Landesverbands der Gehörlosen Baden-Württemberg.

Den Abend eröffnete die Theatergruppe „Handstand“. Die Gruppe besteht aus hörenden und gehörlosen Schauspieler/innen. Gemeinsam entwickeln sie eine neue Kombination aus Laut- und Gebärdensprache, die ein einzigartiges Kunsterlebnis herstellt. Sie führten das Stück: „Der blaue Vogel“ auf. Es basiert auf dem Märchen „Die Nachtigall“ von Hans Christian Andersen. Darin geht es um den gehörlosen Kaiser von China, der einen blauen Vogel einfangen lässt, weil er so fasziniert von dessen Gebärdengesang ist. Der Vogel wird in einem Käfig gefangen gehalten und muss den ganzen Tag für den Kaiser tanzen und gebärden. Als der Kaiser von Japan ihm einen mechanischen goldenen Vogel schenkt, kann der blaue fliehen. Der goldene Vogel geht jedoch irgendwann kaputt und der Kaiser wird daraufhin sterbenskrank. Nur der blaue Vogel kann ihm jetzt noch helfen.

Während einer kurzen Umbaupause konnten sich die Gäste bei einem kleinen Imbiss stärken und schon einmal ins Gespräch kommen.

Nach der Pause und der Stärkung ging es weiter mit dem Programm. Die „Sign Singers“ eröffneten den zweiten Teil des Abends. Der Gebärdensprachchor der VHS Tübingen wird von der Gebärdensprachdolmetscherin und –dozentin Rita Mohlau geleitet. Frau Mohlau ist ein CODA (Child Of Deaf Adults), das heißt, sie hat gehörlose Eltern. Mit ihr standen acht hörende auf der Bühne. Alle waren Teilnehmer/innen ihres Gebärdensprachkurses. Wer dort erfolgreich teilnimmt kann in den Chor gehen. Der Chor übersetzt Musik synchron in Gebärden. Mit viel Feuer, Freude, Gestik, Mimik und vor allem Spaß gebärdete die Gruppe die Lieder für das Publikum. Und sie erhielten dafür begeisterten Applaus.

Gehörlosigkeit und Tanz lassen sich auch verbinden. Dies bewies die Tänzerin Hua Shan-Bähr. Und sie schaffte es sogar noch, mit ihrem Tanz politischen Themen wie Umweltschutz zum Ausdruck zu bringen.

Klassische Musik war auch Teil des Abends. Die Opernsängerin Uljana Kovalchuk sang zwei Lieder von Edvard Grieg und Robert Schumann, die von Rita Mohlau in Gebärdensprache übersetzt wurden.

Etwas Nachdenkliches gab es zum Schluss. Gebärdensprachpoesie mit Benjamin Gutwein. In zwei Geschichten erzählte er von einer jungen Liebe, die zuerst einen Schock bekommt, als sie erfahren, dass sie ein gehörloses Kind haben. Dann jedoch lernen sie, wie ihr Kind mit der Gebärdensprache aufblüht und gedeiht. Im zweiten Stück ging es um die Geschichte der Gebärdensprache an sich. Vom ersten Aufblühen im 18. Jahrhunderten unter Abt Charles-Michel de l’Épée in Paris, über das Verbot durch den Mailänder Kongress bis hin zum neuen Erstarken in unserer Zeit.

Nach dem offiziellen Programm kam schon das erste positive Feedback. Der Landesvorsitzende Wolfgang Reiner freute sich sehr darüber. Man hatte mit dem Kulturabend das erreicht, was man erreichen wollte. „Wir wollten zeigen, dass die Gebärdensprache unser Schlüssel zur Teilhabe in der Gesellschaft ist. Dies müssen wir den Menschen immer wieder bewusst machen. Nur so kommen wir gemeinsam voran.

Zum Abschluss des Wochenendes kam man wieder in Reutlingen zusammen. „So kommt die Botschaft an“ – Unter diesem Motto fand ein inklusiver und ökumenischer Gottesdienst in der Reutlinger Marienkirche statt. Dekan Marcus Keinath und Landes-Gehörlosenpfarrer Roland Martin zelebrierten gemeinsam den Gottesdienst – begleitet wurden sie auch hier von einem Gebärdensprachchor. Vier gehörlose Frauen aus Stuttgart übertrugen Lieder, Psalmen und Gebete in Gebärdensprache. So konnten auch die hörenden Gottesdienstbesucher/innen mitmachen.

Der Gehörlosenverein Reutlingen hatte danach einen Stehimbiss organisiert. So konnten sich alle noch besser kennenlernen und austauschen.Der allerletzte Programmpunkt war dann eine Stadtführung durch das historische Reutlingen. Fast 30 Interessierte kamen zusammen, darunter sechs Hörende, um sich über die alte Freie Reichsstadt zu informieren. Die Stimmung war so gut und die Stadtführung zu kurzweilig, dass aus den geplanten anderthalb Stunden im Nu drei Stunden wurden.

Nach dem Wochenende der Gebärdensprache ist vor dem Wochenende der Gebärdensprache. Die Planungen für das nächste Jahr haben bereits begonnen. Am Wochenende 28./29. September 2019 wird das Großereignis nächstes Jahr in Heilbronn stattfinden. Eingebunden in das Programm der Bundesgartenschau präsentieren wir uns und die Gebärdensprache dem ganzen Land. Am besten das Wochenende schon jetzt in Eurem Kalender rot anstreichen!

 

 

 

 

 

 

 

Das Wochenende der Gebärdensprache konnte nur mit vielen helfenden Händen und Unterstützern zustande kommen. Ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Stellvertretend für alle, die in der Vorbereitung geholfen, die Plakat geklebt, die Flyer verteilt haben, die am Infostand standen, die beim Ausschank halfen, danken wir der Vorsitzenden des Gehörlosenvereins Reutlingen, Doris Rein.

Wir danken auch den Sponsoren und Unterstützern des Wochenendes. Dies waren: die Stadt Reutlingen, die Stadt Tübingen, die Lechler Stiftung, Aktion Mensch, sowie die VHS Tübingen und die Tübinger Musikschule.

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