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Pressemitteilung: Unterschriftenkampagne an Sozialminister gestartet: Gehörlose Eltern brauchen Dolmetscher!

Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg ruft Sozialminister Manfred Lucha auf, gehörlosen Eltern Gebärdensprachübersetzungen für alle wichtigen Termine in den Schulen und Kindergärten ihrer Kinder zu ermöglichen. Eine neu gestartete Unterschriftenaktion fordert, den Anspruch auf Dolmetscher wie in anderen Bundesländern gesetzlich zu verankern und das Budget zu erhöhen. Bürgerinnen und Bürger können die Kampagne bis Ende Juli unterzeichnen.

Wolfgang Reiner, Vorsitzender des Landesverbands, erklärt: „Eltern sind für die Teilnahme an Elternabenden, Gesprächen mit Lehrern und sonstigen Veranstaltungen in den Schulen ihrer Kinder zwingend auf Gebärdensprachdolmetscher/innen angewiesen. Diese werden jedoch nicht zu allen notwendigen Anlässen finanziert.“

 

Die Unterschriftenaktion wurde gestartet vom Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg, der Gehörlosen-Dolmetscher-Vermittlungszentrale Baden-Württemberg und dem Berufsfachverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Baden-Württemberg.

Die zentralen Forderungen an Sozialminister Manfred Lucha sind:

 

1. Die gesetzliche Verankerung der Übernahme von Dolmetscherkosten bei Elternabenden, Elterngesprächen und Veranstaltungen in Schulen und Kindergärten beispielsweise in einer Kommunikationshilfenverordnung

2. Die Erhöhung des jährlichen Budgets, um Dolmetscherkosten in weiteren wichtigen Bereichen finanzieren zu können: Gespräche und Elternabende in Kindertagesstätten, Elternbeiratssitzungen, schulische Veranstaltungen wie Einschulungsfeiern und Informationsabende zu wichtigen Themen (Drogen, sexualisierte Gewalt, Mediennutzung)

 

Die Initiatoren und Organisatoren der Kampagne bitten die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg, das Anliegen mit ihrer Unterschrift zu unterstützen. Die Unterschriftenlisten stehen auf der Homepage des Landesverbands der Gehörlosen zum Download bereit.

Die Unterschriftenlisten sollen bis zum 31. Juli 2017 an die Geschäftsstelle des Landesverbands der Gehörlosen geschickt werden. Dann werden die Unterschriften gesammelt an Sozialminister Lucha übergeben.

 

Alternativ kann auch eine Online-Petition unterzeichnet werden.

Wichtig ist: Es kann nur entweder auf einer Unterschriftenliste oder online gezeichnet werden.

 

Zum Hintergrund:

Gehörlose Eltern wollen die Erziehungspartnerschaft mit den Schulen aktiv gestalten. Dazu sind sie auf Gebärdensprachdolmetscher/innen angewiesen. Im Schulgesetz Baden-Württemberg ist das Recht und die Pflicht der Eltern festgeschrieben (§ 55): „Die Eltern haben das Recht und die Pflicht, an der schulischen Erziehung mitzuwirken. Die gemeinsame Verantwortung der Eltern und der Schule für die Erziehung und Bildung der Jugend fordert die vertrauensvolle Zusammenarbeit beider Erziehungsträger. Schule und Elternhaus unterstützen sich bei der Erziehung und Bildung der Jugend und pflegen ihre Erziehungsgemeinschaft.“

 

Die Gehörlosen-Dolmetscher-Vermittlungszentrale Baden-Württemberg, getragen vom Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg, erhielt in den letzten Jahren vom Sozialministerium ein jährliches Budget (aktuell rund 80.000 Euro). Aus diesem Budget können gehörlose Eltern die Kostenübernahme für den Einsatz von Gebärdensprachdolmetscher/innen bei Elternabenden und Elterngesprächen in den Schulen ihrer Kinder beantragen. Bezahlt werden nur Dolmetscherkosten für Elternabende und Elterngespräche in der Grundschule und in weiterführenden Schulen. Nicht übernommen werden die Dolmetscherkosten für Elternabende und Elterngespräche in Krippen und Kindertagesstätten. Ausgeschlossen sind zudem schulische Veranstaltungen wie Einschulungsfeiern und andere Feste. Die Dolmetscherkosten werden nur für Informationsabende zum Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule übernommen. Andere Informationsveranstaltungen zu wichtigen Themen, wie beispielsweise Drogenprävention, Umgang mit Medien oder Aufklärung über sexualisierte Gewalt, sind von der Finanzierung ausgenommen. Gehörlosen Eltern bleibt somit der Zugang zu wichtigen Teilen des schulischen Lebens ihrer Kinder verwehrt, wenn sie nicht selbst die Dolmetscherkosten übernehmen können. Gehörlose Eltern können sich ohne eine gesicherte Finanzierung der Dolmetscherkosten nicht in Elternbeiräten engagieren.

 

Aktuell gibt es keinen Rechtsanspruch auf die Übernahme der Dolmetscherkosten. Es handelt sich um eine freiwillige Leistung des Sozialministeriums. Die Mittel müssen jedes Jahr von Neuem beantragt werden, und es ist nicht gesichert, dass sie bewilligt werden. Die Übernahme der Dolmetscherkosten ist nicht gesetzlich geregelt. Das Land Baden-Württemberg hinkt hier hinterher. Andere Bundesländer haben längst gesetzliche Regelungen zum Wohl gehörloser Eltern getroffen.

 

Die drei Initiatoren der Kampagne setzen sich ein für die konsequente Umsetzung des Prinzips der Barrierefreiheit, wie es unter anderem in der UN-Behindertenrechtskonvention und im Landesgesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen festgeschrieben ist.

 

Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. vertritt die Interessen seiner ca. 2.400 Mitglieder, die in 29 Mitgliedsvereinen in ganz Baden-Württemberg organisiert sind. Ziel der Arbeit ist die kontinuierliche Verbesserung der Lebenssituation von hörbehinderten Menschen in Baden-Württemberg durch den Abbau von Barrieren, um eine gleichberechtige Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Der Landesverband ist Träger der Gehörlosen-Dolmetscher-Vermittlungszentrale in Stuttgart.

 

Der Berufsfachverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Baden-Württemberg e.V. vertritt die Interessen von aktuell 56 GebärdensprachdolmetscherInnen in Baden-Württemberg und trägt zur Weiterentwicklung des Berufsstands bei. Er fördert durch Fortbildungs- und Austauschangebote die Qualitätssicherung.

 

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an Katrin Rehfuss, Referentin für Selbsthilfe und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg

E-Mail

Mobil: 0160 98677259

 

Gerne stellen wir den Kontakt zu betroffenen gehörlosen Eltern her, die zu Interviews bereit sind.

 

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